Archive | July 2014

Hexameter oder das Leiden eines Musikanten

O weh, schon wieder eine Absage! Nur das Wetter kann etwas dafür, denn wir hätten ein Open Air in Kempten spielen sollen, das wegen des zu erwartenden schlechten Wetters abgesagt wurde. Ich bin gespannt: es wird bestimmt wunderschön, wie im Mai auch, als Illereichen abgesagt wurde… Egal, Musikerschicksal. Dabei habe ich mich schon auf den neuen Blogbeitrag gefreut: ich hatte die Absicht, das Spiel in griechischen Hexametern zu preisen wie Homer oder Ovid, etwa so:

Göttin, sei mir hold und führ’ meine biegsame Feder, zu
preisen die holden Geschöpfe, die vor und das Tanzbein schwingen.
Reich bin an Jahren ich, doch nichts vermag meine Sehnsucht stillen:
Schöne Frauen, Göttinnen gleich, die den Musiker schmachten
waren schon immer und ewig der Fluch und Verhängnis. Jedoch
fehlt mir inzwischen an Haupthaar und wölbt sich das Bäuchlein im Hemde,
nur das ist der Grund warum ich der viel bess’ren Hälfte
Treu bin seit zwanzig Jahren, mich g’waltig beherrschend im Geiste…

und so weiter. Nun muss dies leider vertagt werden, grausam das Schicksal –
Verzeihung, das scheint ein Selbstläufer zu werden. Nicht schlecht, gell? Noch ein Versuch:

Nichts And’res hatt’ ich im Sinne, als ich den Blogbeitrag plante, doch
nun ist es hin, das grausige Schicksal wollte es anders.
Wie könnte ich das treue Volk, das sehnsüchtig brannte auf
neue, spritzige Zeilen im Blog zu lesen, die Tränen des
Glücks im Augenwinkeln zerdrückend…

Jetzt ist es wirklich genug. Tatsache ist, dass ich mir tatsächlich Gedanken machte, denn ein Blog ist zum Schreiben da, und die zahlreichen Fans – mindestens 7-8 Seelen – warten sicher, dass etwas Neues erscheint, und unser nächstes öffentliches Spiel ist erst am 9. August (Kempten, Allgäuer Festwoche!). Da fiel mir ein neues Thema ein, das zwar nichts mit Primestone zu tun hat, aber mit Musik. Manche wissen, dass ich auch Alleinunterhalter bin, des Geldes wegen freilich. Man stelle sich vor: auch in der Musik gibt es einige unerschrockene Gesellen, die tatsächlich etwas Geld damit verdienen wollen, und zu diesen gehöre auch ich! Ich spiele, wie so viele Schicksalsgenossen, mit Midifiles: das bedeutet, mit Begleitung vom Computer. Das Publikum ist grausam, es will, dass die Musik wie das Original klingt, ist aber nicht bereit, eine ganze Band anständig zu bezahlen, und so greifen wir arme Opfer dieses Trends seit einem Vierteljahrhundert zu diesem Mittel.

Diese Spiele, meist Geburtstage, Hochzeiten und Betriebsfeste, sind jedes Mal Highlights, positiv oder negativ – oder beides zugleich. Hier eine kleine Essenz, ein Auszug aus meinem Musik-Tagebuch, das ich seit 1998 führe, um den harten, abwechslungsreichen, schrecklich-schönen Musiker-Alltag zu verdeutlichen:

Geburtstag von Frau XXX, beim XXX in XXX, am X.X.XXXX. (Selbstverständlich ist diese Veröffentlichung zensiert, sonst bekäme ich möglicherweise Ärger…) Also:

Kennt ihr die neueste Mode? Nadelstreifenanzug und Turnschuhe ohne Senkel. So ist jedenfalls der achtjährige, hochbegabte (Oma erzählte mir das stolz!) XXX-Enkel angezogen, der mich die ganze Zeit scharf beobachtet und behauptet, ich spiele nicht live. Sonst spricht er kein Wort, und stößt nur hin und wieder unartikulierte Schreie hervor. Ein höchst angenehmer Zeitgenosse. Seine Mutter ist umso mitteilsamer, nachdem sie in mir eine verwandte Seele entdeckt. Kunststück, als Alleinunterhalter ist man auf Kundschaft aus und deshalb überaus mitfühlend, geistreich und freundlich…

Gut. Frau XXX, die Wirtin, empfängt mich sehr herzlich, auch sie hatte mich bereits in ihr Herz geschlossen – kein Wunder, dachte ich uneitel, als ich ihren Mann sah – und hatte mich auch empfohlen. Denn ich hatte schon einmal hier gespielt, beim XXX-Geburtstag im Jahr 200X. Und auch die nette blonde Bedienung, die ich aus XXX kenne, mag mich sehr. Überhaupt, alle mögen mich. Das ist wirklich schön, ich weiß es zu schätzen, ohne Spaß! Herr XXX begrüßt mich in seiner Eröffnungsrede, erzählt über mich, nur Gutes freilich. (Nur dass er statt Gaspar Gamper sagte. Ich liebe das!)
Und ich spiele mir den Leib aus der Seele. Bald brandet der erste Applaus auf. Besonders eine sehr stämmige Dame im roten Pullover (überhaupt, es sind sehr viele stämmige Damen anwesend) klatscht, die ich irgendwoher kenne, bis es mir endlich einfällt: Frau XXX, meine langjährige Kundin, die ich am Vortag wegen Krankheit absagte! Mein Alzheimer, furchtbar… Doch sie ist mir nicht böse, sondern im Gegenteil, sehr zugetan.

Überhaupt, ich muss ein unglaublich attraktiver Mann geworden sein in den letzten Jahren, seit ich faltige Wangen und keine Haare mehr habe. Unbekannte Schönheiten, die ich auf der Straße anlächele, strahlen hemmungslos zurück, während sie sich vor 20-30 Jahren in solchen Fällen noch hochnäsig abwandten. (Nette Opa, denken sie…) Doch das ist jetzt nicht relevant, und ich glaube ich habe es vor längerer Zeit bereits erwähnt. Zur Sache!

Oh, ich vergaß: während ich meine Anlage aufbaute, näherte sich ein alter Herr und forderte mich auf, nicht zu laut zu sein. Dabei habe ich noch gar nicht angefangen. Ich antwortete, das möge er bitte später dem Herrn Künstler sagen, ich sei nur der Roadie. Da er nicht wusste, was das ist, ging er wortlos.

Ich spiele seit 20 Uhr, spiele Tischmusik, esse an der Seite von Frau XXX, spiele weiter, komme gut an, doch die Leute tanzen wenig, worauf ich ein ruhiges Konzert gebe, mit wenig Gesang und viel Erfolg.

Dann rottet sich die Gesellschaft zu einem Chor zusammen und singt zu Ehren des Geburtstagskinds ein Lied ohne Rhythmus und Melodie. Ja, wir Germans, möglicherweise waren wir schon immer so. Doch seit dem verlorenen Krieg sind wir nicht nur schuldbewusst, sondern auch ohne musikalische Tradition. Obwohl die schwarzbraune Haselnuss und die kornblumenblauen Augen nun wirklich nichts mit dem Holocaust zu tun haben… Doch auch das gehört nicht hierher.

Und die ganze Zeit rasen an die zwanzig Rotzbengel schreiend auf der Tanzfläche herum und verhindern im Ansatz jeden Versuch, ein wenig Stimmung in die Bude zu bringen. Ihre Eltern beobachten sie mit zärtlichem Blick: schau, schau, mein Kind, wie es rennen und brüllen kann, super… Sie sind viel lauter als ich. Ich liebe Kinder, aber nicht um jeden Preis! Einige Knirpse springen sogar zu mir auf die Bühne und strecken ihre Finger nach meinen Instrumenten aus, von den Großen keineswegs daran gehindert. Ich schnappe mir mein Mikro und mache eine Durchsage:

Sehr geehrte Damen und Herren, ich schwöre Ihnen, ich liebe Kinder, und möchte keineswegs ihren Spaß verderben. Aber ich hoffe, Sie sind ausreichend versichert!“

Daraufhin werden die Plagegeister von ihren Eltern schleunigst aus dem Verkehr gezogen. Die Schwaben sind ein sparsames Volk. Das merke ich übrigens auch an der Gage.

Dann kommt ein Herr und fragt, ob er mitmachen dürfe. Das geht nie gut, ich weiß das, und gebe die routinierte Antwort, ich sei schon schlecht genug.

Ich spiele immerfort, auf Wunsch vorwiegend Lieder, die diese Bezeichnung bei Weitem nicht verdienen. Hoch auf der Wunschliste stehen Helene Fischer und Andrea Berg, dicht gefolgt von DJ Ötzi, aber der ist wenigstens ein Mann… Um 0 Uhr 40 frage ich Herrn XXX wohlberechnend, (ich möchte um eins aufhören!) wie lange ich noch spielen soll. Derart manipuliert sagt er, eine Runde noch. Ich spiele, vor mir tanzt ein Paar: Frau XXX mit einer anderen stämmigen Dame. Die Herren sind tanzfaul, meistens. Auch sie sind überwiegend stämmig. Ich verabschiede mich und hole tief Luft, denn ich weiß, was nun kommt, und so ist es auch: ZUGABE! ZUGABE! Klar doch, es ist immer das Gleiche. Ich singe mit meinem unnachahmlichen Dialekt: „Oana gaht no, oane gaht no nei!“ Großer Erfolg. Und ich lege los: Johnny B. Goode, Spirit In The Sky, Sweet Home Alabama, Rockin’ All Over The World usw., eine richtige Rockrunde. Worauf Frau XXX, die auch den dörflichen Chor leitet, fragt, ob ich Einen Stern kann. Und Walzer und Foxtrott, bitte! Großartig, kann ich nur sagen.

Dann ist es halb zwei, Feierabend! Große Dankbarkeit, gerührter Abschied, XXXXXX Euro Trinkgeld, passt. Jetzt nix wie heim! Doch Pustekuchen:

Es ist jedes Mal so, JEDES MAL. Als ich meine Anlage zusammenpacke, endlich, und fix und fertig – wenn man allein spielt, ist Musik Spitzensport, und das in meinem Alter! – aufbrechen will, kommt unweigerlich ein selbst ernannter Fachmann zu mir und will unbedingt, dass ich über seine musikalische Vorlieben und Gedanken Bescheid weiß. Ich denke Folgendes: KKRRBBRZXXXXMRZXXXKRZFXXX! und hoffe inständig, dass er mir das nicht anmerkt… Er erzählt ausführlich, welche Stücke er mag und warum, und welche nicht (und warum). In solchen Fällen setze ich mein freundlichstes Gesicht auf, um mögliche Kundschaft nicht zu verprellen. Er erzählt weiter: er mag nur Musik mit Melodie. Musik nur mit Rhythmus, ohne Melodie sei nix. Aha… Und dass die Musik früher tatsächlich Musik war, aber jetzt… (das höre ich unverändert seit fünfzig Jahren, Hilfe!!) Und er wollte schon immer Musik machen. Soso. Doch die Eltern… Darauf beschreibt er wortreich seine jetzige Tätigkeit, die hochinteressant ist – in den wenigsten Fällen um diese Uhrzeit. Ich lächele höflich und versuche, eine Körperhaltung anzunehmen, die unauffällig darauf hinweist, dass ich den Dialog nun beenden möchte. Nur dass es nicht hilft. Zu allem Überfluss merkt er, dass ich nicht akzentfrei bin, und fragt, wo ich herkomme. Ungarn. Ach, Ungarn! (Auch das ist jedes Mal dasselbe.) Seine Firma hat dort eine Filiale. Die Ausländer im Allgemeinen seien faul und nehmen uns die Arbeitsplätze (obwohl sie faul sind, interessant!), aber die Ungarn seien hart arbeitende, fleißige Leute. Ich sage, ich weiß, deshalb bin ich dort auch abgehauen. Er lacht nicht.

Genau wie ich. Mit Mühe werde ich ihn los und trete die hoch verdiente Heimreise an.

P.S. Zum Glück wurde der hochbegabte Junge, der mich die ganze Zeit fotografierte und kein Wort sprach, irgendwann ohnmächtig, wie die anderen Rotzbengel auch. Sie lagen locker verstreut auf Tischen, Bänken, Stühlen oder in den Schössen ihrer selbst aufopfernden Mütter und schliefen friedlich, mit hängenden Köpfen und offenen Mündern, endlich!

Und während ich heimfahre, schwöre ich mir feierlich, den Beruf endlich an den Nagel zu hängen. Und bei der nächsten Anfrage breche ich den Schwur. Wie immer.

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