Archive | August 2014

Musik muss sein – oder: Primestone bei der Allgäuer Festwoche + einige Gedanken…

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ENDLICH! Eigentlich hatten wir so tolle Open Air-Termine: im Mai ein Festival in Illereichen, im Juni ein Fest in Kempten-Heiligkreuz, und beide Male wurden sie im letzten Moment wegen schlechten Wetters abgesagt, zu unserem großen Ärger: solche Veranstaltungen eignen sich hervorragend, um unseren Namen zu verbreiten, denn man wird es nicht glauben, eins unsere Ziele ist es, irgendwann mit dieser Mucke auch ein wenig Kohle zu machen. (Originalton Marcel Reich-Ranitzky: „Die grrößßtän Kunnßtwärkä därr Gesschichchctä wurrden ersschschaffän, um etwaß Gälld ßu verdienän!“)

Und so starrten wir am 9. August bange aus dem Fenster; dicke Wolken bedeckten den Himmel und sogar einige Tropfen fielen… Und http://www.wetter.de zeigte zunächst beängstigende 80 % Niederschlagswahrscheinlichkeit. Zwei Stunden später 70 % Niederschlaghöchstwahrscheinlichkeit. Am Mittag nur noch 50 % Niederschlagsabsoluthöchstwahrscheinlichkeit.

Gegenüber Wetterprognosen bin ich schon immer skeptisch. Zwar bevölkern mittlerweile Hunderte Satelliten und Wetterballons den Himmel, trotzdem bleibt die Vorhersage stets vage. Das ist eine Wissenschaft, deren scheinbar einzige Grundlage der felsenfeste Glaube des professionellen Beobachters ist, ganz wie bei der Theologie. Der Unterschied gegen früher ist, dass man es immer genauer vorhersagen kann, wie es dann doch nicht wird…

So kam es auch jetzt. Die Sonneneinstrahlungswahrscheinlichkeit stieg auf 100 %, und unsere Sorgen waren wie weggeblasen. Wir trafen uns in Memmingen, fuhren nach Kempten, und waren dank tatkräftiger Hilfe der Security-Leute und der netten Frau Fries von der Stadt Kempten bald spielbereit. Vor uns liefen noch einige Tanz-Darbietungen, mit teuflisch hübschen Damen: die denkbar beste Motivation für den Auftritt einer Rockband, yeah, baby!

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Wir legten los. Ich habe keine Ahnung, warum, aber mittlerweile weiß jeder in meiner Umgebung, dass ich, egal worum es geht, am Anfang immer etwas falsch mache. Meine viel bessere Hälfte mag schon deshalb kein neues Auto kaufen, weil ich es jedes Mal gleich in den ersten Tagen zerlege (zum Glück haben wir Vollkaskoversicherung), um anschließend bis zur nächsten Neuanschaffung unfallfrei zu fahren. Auch eine neu gekaufte Hose oder Hemd pflege ich sogleich zu bekleckern, und bei Renovierungsarbeiten im und um das Haus verbocke ich ebenfalls gleich zu Beginn alles. Das Gleiche geschieht bei unseren Konzerten. Diesmal erwischte es die magische schwarze Dame (Black Magic Woman), die/das ich, obwohl tausendmal gespielt, gleich am Anfang komplett verhaute, meine Kollegen hatten Mühe, das Lied einigermaßen zusammenzuhalten. Ob das Publikum etwas merkte? Ich hoffe nicht. Doch dann klappte alles, den Leuten gefiel unser Spiel, der wohlwollende Applaus bewies es.

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Während wir spielten, wurde es langsam dunkel. Ich liebe das! Vor Jahrzehnten, als wir noch die Gruppe Fireball bildeten, traten wir am Großen Alpsee auf, vor uns 10.000 Menschen, dahinter der See… Die Sonne ging unter, Luftballons schwebten in die Höhe, Boote näherten sich, es war magic… So ähnlich war es auch jetzt, nur ohne Wasser. Je dunkler es wurde, desto besser war die Stimmung, wir spielten wie die Berserker, das Publikum tobte! Eine derartige Atmosphäre kann ausschließlich unter freiem Himmel entstehen. Nur am Anfang störten einige übermütige Burschen in Tracht, die vor uns wild herumsprangen, unartikulierte Silben schrien und mitunter sogar die Bühne enterten. Ich mag das überhaupt nicht, und so mahnte ich sie mit tadelnden Worten. Erstaunlicherweise trollten sie sich sofort.

Ja, liebe Leser/innen, Falten im Gesicht und graue Haare haben so ihre Vor- und Nachteile. Positiv ist, dass die Jugend von heute, obwohl verdorben, hochmütig und frech (das wissen wir, seit es schriftliche Dokumente gibt, also seit ca. 5000 Jahren), angesichts der eben genannten Eigenschaften manchmal doch etwas Respekt zeigt. Negativ ist, dass die jungen Frauen einen nicht mehr für voll nehmen. Doch keine Freud’ ohne Leid, so der Volksmund…

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Die lange zweite Runde begannen wir mit unserer bewährten Version von Crossroads, und das Publikum ging vom Anfang an mit. Bald war das ganze Areal vor uns brechend voll, und wir gaben unsere stärksten Songs zum Besten: Hotel California, Baker Street sowie einige neue Stücke, die wir eigens zu diesem Anlass einstudiert hatten und ebenfalls “primestonierten”: Don’t Let Me Down von den Beatles, Layla von Eric Clapton… It was pure heaven, wie die Amerikaner sagen. Dann noch ein langsames Lied, A Whiter Shade Of Pale (à la Primestone!).

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Nach diesem taten wir traditionsgemäß so, als ob wir fertig seien und verabschiedeten uns vom Publikum. Doch so einfach ließen sie uns nicht gehen! Erst nach mehreren Zugaben konnten wir unsere Instrumente loslassen. Konnten? Gerne hätten wir noch länger gespielt, aber es war 23 Uhr 10, länger durften wir nicht.

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Erlauben Sie mir auch hier eine kleine philosophische Abschweifung. Im deutschen Lande wird Musik zumindest für einige Spielverderber sowie die meisten Stadtverwaltungen als Störfaktor eingestuft. Während man ohne zu klagen zulässt, dass frisierte Roller, wuchtige Harleys sowie 100 Tonnen schwere Lastwagen nachts durch die Stadt dröhnen und röhren, wird man beim ersten Anzeichen von musikalischen Geräuschen angemahnt, angezeigt, mit Geldstrafe belegt und möglicherweise lebenslang eingekerkert, bei Brot, Wasser und Internet.

Warum ist das so? Angeblich, um die Ruhe der stressgeplagten Nachbarschaft, die meist aus Menschen in einem Alter, in dem man von allen möglichen Dingen, nur nicht von Stress geplagt wird, zu schützen.

Ich habe dazu eine andere Meinung. In Deutschland herrscht aus Gründen, die wir alle kennen, ausgenommen in der Faschingszeit, wo Lustbarkeit, freilich unter strengsten Vorschriften, zu Pflicht erklärt wird, Ernsthaftigkeit. Als ich in einer kurzen Zeitspanne meines Lebens in einem Anfall von Geistesverwirrung zum Arbeitnehmer wurde, hatte man mich mehrfach gerügt, weil ich es gewagt hatte, am Arbeitsplatz zu lachen. Das darf man nicht, ausgenommen, man ist ein Clown. Doch die werden auch dementsprechend schlecht bezahlt. Musiker übrigens auch.

Doch darum geht es nicht, sondern darum, dass Musik zumindest in den Augen von mürrischen und neidischen Menschen, im Gegensatz zu den bereits erwähnten Geräuschbelästigungen nicht SEIN MUSS. Und der Staat nimmt die Interessen dieser Minderheit ernst und beschützt sie. Wie schön wäre es, wenn der Staat auch die Interessen der Mehrheit so schützen würde: z.B. gegen Räuberbanken, Umweltverpesterkonzerne (Sie merken: heute liebe ich Schachtelworte!) und eine egoistische Minderheit, die Anderen das Leben vermiesen will! Bei einem unerwarteten Spaß kann man sich wenigstens mit dem bewährten Slogan „Spaß muss sein!“ gegen die argwöhnenden Widersacher schützen. Deshalb schlage vor, uns künftig vor Griesgrämen und Neidhammeln mit folgenden Worten zu schützen:

MUSIK MUSS SEIN!!!

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P.S. Aus rechtlichen Gründen muss ich hinzufügen, dass die Gruppe Primestone in Kempten am 9.8.2014 die musikalische, weil mit Geräuschen verbundene Tätigkeit nicht wegen Protesten von Einwohnern,sondern, wie bereits mit planenden und exekutiven Organen der Staatsgewalt im Voraus vereinbart freiwillig schon um 23.10 Uhr einstellte.

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Old Time Rock’n Roll… Die Anfänge

Vor einigen Tagen trafen wir einen alten Musikerfreund. Wir unterhielten uns, wie es sich unter Tattergreisen so gehört, über die alten Zeiten. Es ging vor allem um die musikalischen Anfänge, versteht sich, um die unglaublichen Widrigkeiten damals, die den jungen Musikern glücklicherweise völlig unbekannt sind. Eine Geschichte und lustige Anekdote folgte der Anderen, und auf einmal sagte Wolli: „Du, Peter, das sind tolle Geschichten, die könntest du im Blog veröffentlichen!“

Und das tue ich hiermit, schön nacheinander, von uns vier. Da ich mich sozusagen direkt neben mir habe (Haben Sie auch manchmal das Gefühl, neben sich zu stehen?), beginne ich mit meiner Wenigkeit. Für den Umfang des Berichts möchte ich mich entschuldigen, aber für jene, die wirklich interessiert sind an das Damals, wäre es schade um jede weitere Kürzung (und ich kürzte viel…)!

Die Initialzündung zu meiner späteren Laufbahn wurde durch einen mehrtägigen Ausflug unserer Gymnasialklasse im Herbst 1962 ausgelöst. An einem der Abende wurden Platten aufgelegt und wir tanzten. Wir? Ich als absoluter Nichttänzer, schüchtern und mit zwei linken Füßen gesegnet, saß abseits und beneidete die Jungs, die die Mädchen völlig ohne Hemmungen herumwirbelten und mit ihnen flirteten. Zum Schluss packte einer meiner Klassenkameraden seine Gitarre aus und spielte. Und augenblicklich waren alle Frauen um ihn versammelt! Mein Neid wurde noch größer. Da ich bereits seit Jahren Geigenunterricht hatte, merkte ich, dass es für mich keine Hexerei wäre, dieses Instrument zu erlernen. Mehr noch, ich wollte das unbedingt können! Nicht tanzen zu müssen und trotzdem an die Mädels ranzukommen, das war es doch!

Bei der langen Rückfahrt bat ich ihn, mir die Gitarre auszuleihen. Er tat es bereitwillig und zeigte mir sogleich die ersten Akkorde. Ich begann zu spielen, machte mich mit der Stimmung vertraut, übte die Akkordwechsel, suchte die Tonleiter… Eigentlich hatte ich leichtes Spiel, der Geigenunterricht machte es möglich. Auch der Schmerz in den Fingerkuppen hielt sich in Grenzen, Hornhaut hatte ich ja. Bis die Fahrt zu Ende war, konnte ich bereits mehrere Lieder begleiten.

Fortan lag ich meiner Mutter so lange in den Ohren, bis ich drei Monate darauf, und zwar genau am 18. Januar 1963 – das Datum werde ich nie vergessen – meine erste akustische Gitarre bekam. Sie war alt, schwarz und mit Stahlsaiten bestückt, das war wichtig, denn eine Gitarre mit Nylonsaiten fand ich spießig. Ich war sechzehn Jahre alt.

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Unterricht nahm ich nicht: es gab gar keinen Gitarrenlehrer in der Stadt. Ich kannte zwar einen, aber er war Jazzgitarrist; Jazz war spießig, altmodisch und gefiel mir nicht, und der Typ noch weniger. Ich habe einfach losgelegt, nach dem System Trial and error, und wie bereits gesagt, war meine linke Hand flink und die Finger gut trainiert. Die richtige Handhaltung, die Schlagtechnik der rechten Hand, das flog mir nur so zu.

Fortan existierte für mich nichts Anderes mehr. Ich prügelte die Klampfe jeden Tag stundenlang, bis in die Nacht hinein. Die Folge war, dass ich im Gymi, ausgerechnet im Abitursjahr, eine krachende Bauchlandung hinlegte und das Jahr beinahe wiederholen musste. Doch bis dahin wusste ich: ich würde im Leben nichts anderes machen als das.

Freilich machte ich eine Menge falsch, das tue ich jetzt noch, und es war auch eine harte Arbeit, mir manches abzugewöhnen und neu zu lernen, besonders später, als ich bereits in Deutschland war und endlich Zugriff auf die vielfältigen Möglichkeiten hatte, die mir wegen der isolierten Lage des kommunistischen Ungarns fehlten: Aufnahmen in guter Qualität, Musikfilme, Konzerte usw. Sehr gern begleitete ich die Stücke der damals populären Shadows, einer englischen Gitarrenband. Ich versuchte, den Originalrhythmus zu schlagen, ich erinnere mich, ich saß auf dem langen Gang, spielte Apache von den Shadows, den schweren, komplexen Schlagrhythmus, Tamtaratam Tamtamtam Tamtam, und genoss den metallischen, „goldenen“ Klang – wie ich ihn nannte, die pumpende Bewegung meines rechten Armes und das Echo, das die umliegenden Häuser zurückwarfen. Interessanterweise hatte sich niemand gestört gefühlt, im Gegenteil, die Hausbewohner spornten mich an und lobten mich.

Und ich übte und übte. Nie wieder habe ich so viel geübt wie damals. Ich spielte Tonleiter, Etüden aus dem Geigenheft, aber vor allem versuchte ich die Gitarrenstücke, die im Radio liefen, nachzuspielen, insbesondere das Melodiespiel, denn der Rhythmus ging bereits nach wenigen Wochen wie von selbst. Ich lernte nach Gehör, den musikalischen und theoretischen Hintergrund hatte ich ja durch das langjährige Studium, und Noten waren sowieso nicht zu bekommen. So lernte ich ziemlich schnell auch das Solospiel. Bereits nach einem halben Jahr war ich im Stande, die meisten gängigen Stücke nachzuspielen. Im Radio lief neben den zahllosen ungarischen, russischen und italienischen Schlagern, die ich mittlerweile allesamt langweilig fand, die Musik der Shadows, der Spotnickts und der Ventures: angesagte Gitarrenbands damals.

Ein halbes Jahr später gründete ich meine erste Band und spielte sofort vor Publikum. Hemmungen hatte ich nicht, das Auftreten war ich aus der Musikschule gewohnt. Wir traten auf bei Feten, in Bootshäusern, überall, wo wir konnten, am Lagerfeuer, auf der Terrasse unserer Wohnung, unten spazierten Leute und hörten uns zu. Ich war der Solist, zwei Jungs begleiteten mich mit Rhythmusgitarre. Einen Schlagzeuger hatten wir zunächst nicht, und die Bassgitarre war uns unbekannt. Die Rundfunkstationen sendeten damals auf Mittelwelle – UKW gab es noch nicht – und die Übertragungsqualität war entsprechend miserabel, den Bass hörte man entweder gar nicht, oder hielt ihn für die dröhnenden tiefen Saiten der Gitarre. Wir spielten in Kulturhäusern, ohne Bezahlung, rein akustisch, denn ein richtiger Verstärker war ein utopischer Traum, entweder gab es gar keine oder zu einem horrenden Preis. Unsere Zuhörer mussten halt leise sein. Zum Glück hatte jedes dieser Häuser eine primitive Verstärkeranlage mit Mikrofon, eigentlich für die Reden der Parteifunktionäre gedacht: ich ging mit meiner Gitarre näher an das Mikrofon als die anderen und war dadurch etwas lauter. Unser Programm bestand hauptsächlich aus den bereits erwähnten Gitarrenstücken, gesungen haben wir noch nicht.

 

Absolute Beginners

 

Kulturhaus, ein im Westen unbekanntes Wort! Ein Kulturhaus war so etwas wie eine Mehrzweckhalle, nur dass es nicht für sportliche Tätigkeiten vorgesehen war. Es hatte eine große Bühne, einen Zuschauerraum, Garderoben usw. Dort wurden Theaterstücke, Konzerte, Parteisitzungen, Nationalfeiern und ähnliche Veranstaltungen abgehalten. In größeren Städten, wie auch in meiner Heimatstadt, gab es sogar mehrere Kulturhäuser. In einem dieser Häuser spielten wir ab 1965 regelmäßig.

Doch noch schreiben wir das Jahr 1963 und ich stecke in meinen Rock’n Roll- Kinderschuhen. Eine kleine Entwicklung hat bereits stattgefunden: ich hatte eine Elektrogitarre! Ich habe es selbst zusammengebastelt, die Umrisse aus einem Brett aus Hartholz sägen lassen und die Kanten mit einem Taschenmesser zurechtgeschnitten. Besonders schwierig war der Hals, bis er schön rund und glatt war. Die Maße lieferte meine akustische Gitarre, die eines Nachts mit einem furchtbaren Knall platzte: ich hatte sie an die Wand gehängt, und der Temperaturunterschied zwischen Wand und Raumluft machte ihr den Garaus. Doch da war die E-Gitarre bereits fertig. Ich habe schmale Kerben quer in den Hals gesägt und mit Honig – Klebstoff gab es nicht – als Bünde Kupferdraht hineingeklebt. Nur die Mechaniken habe ich gekauft. Sogar der Tonabnehmer war Eigenbau: um ein Stück Magnet wickelte ich dünnen Kupferdraht, 7000 Windungen, der dabei mehrmals riss und mühsam abisoliert und zusammengedreht werden musste. Als ich die Saiten zum ersten Mal aufzog, bog sich das Holz wie ein Bogen, so dass ich eine dicke Saite auf die Rückseite spannen musste, um den Zug auszugleichen. Beim Spielen scheuerte die Saite meine Handfläche blutig und meine Hand wurde klebrig vom Honig… Den Verstärker lieferte ein Radio, für den ein Freund einen Vorverstärker baute, denn die Ausgangsspannung des Tonabnehmers war zu schwach für den Plattenspieler-Eingang des Radios.

Dieser Vorverstärker (für Anglophile: Preamp)… Es war ein Ungetüm von einer Platine, mit schwerem Trafo und einer riesigen Röhre, die mein Freund, der beim Militär arbeitete, aus dem Lager klaute. Sie war an die fünfundzwanzig Zentimeter hoch. Angeblich stammte sie aus einem Düsenjäger. Der Vorverstärker hatte kein Gehäuse, und musste entsprechend vorsichtig transportiert werden. Damit ich ihn regeln konnte, stand er neben mir auf einem Tisch, und bei mancher unvorsichtigen Berührung verpasste er mir einen kräftigen Stromschlag, 750 Volt Gleichstrom, es brannte regelmäßig Löcher in meinen Ellbogen und Unterarm. Er war unverwüstlich und lieferte einen tollen Klang, ich benutzte ihn noch jahrelang. Einmal ging er mir mitten im Spiel kaputt! Ich entdeckte, dass der Fehler am Kondensator lag: wenn ich ihn kurzschloss, knallte es laut, das Gerät funktionierte einige Sekunden und setzte dann wieder aus. Und das bei einem öffentlichen Auftritt! Zum Glück war ein Klassenkamerad von der Musikhochschule, wo ich mittlerweile Schlagzeug studierte (das Fach Gitarre gab es nicht), im Publikum. Ich bat ihn, sich hinter mich zu setzen und den Kondensator im Takt der Musik mit einem Schraubenzieher immer wieder kurzzuschließen: so fiel der Knall nicht sehr auf. Der arme Kerl saß den ganzen Abend da und langweilte sich zu Tode, aber die Sache funktionierte.

Mittlerweile hatten wir auch einen Schlagzeuger. Mein bester Freund aus Kindertagen, Péter Tunyogi, begann autodidaktisch Schlagzeug zu spielen, auf die denkbar einfachste Art: er kaufte ein Paar Stöcke, nahm zwei Stühle, auf den einen setzte er sich, auf den anderen prügelte er ein. Je nachdem, wo man auf den Stuhl hinschlug – Sitz, Lehne, Bein – klang es jeweils anders. Er befestigte eine Weinflasche mit einer Schnur an der Lehne: das war das Becken. Übrigens, er wurde später ebenfalls Profimusiker, und später ein richtiger Rockstar, einer der bekanntesten in Ungarn.

Jahrzehnte später, als ich meine Schüler beim Kauf von Instrumenten und Verstärkern begleitete, dachte ich jedes Mal an diese Zeit zurück. Sie gaben im Alter von 15-16 Jahren ohne mit dem Wimper zu zucken mehrere Tausend D-Mark aus… Ich beneidete sie trotzdem nicht. Der Lernprozess dieser schwierigen Zeit war enorm wichtig für mich.

Mittlerweile hatten wir sogar ein Echogerät, unerlässlich für die Gitarrenmusik. Ein technisch begabter Freund hatte eine alte Tonbandmaschine Marke „Mambo“ umgebaut, was relativ einfach war: neben den Aufnahmekopf musste man noch einen einbauen und parallel anschließen. Mit einem der vorhandenen Regler ließ sich sogar Lautstärke und Wiederholungszahl des Echos regeln.

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Während dieser Zeit veränderte ich mich allmählich, von einem braven, biederen, schüchternen Jungen zu dem, was ich jetzt noch bin, hoffentlich. Nach außen hin war ich immer noch brav, aber innen begann das Rock’n Roll-Fieber zu glühen, zuerst zögernd, im Laufe der Zeit nach und nach immer stärker. Ein Mädchen in unserer Clique sagte mir später: „Zum Glück hast du dich durch die Gitarre verändert, vorher warst du ein unerträglich langweiliger Spießer!“

Wie kamen wir überhaupt zu den Stücken, die wir spielten? Das verdankte ich allein meinem Gehör. Da im ungarischen Rundfunk bis auf wenige Ausnahmen ausschließlich altmodische oder sogenannte „sozialistische“ Musik ausgestrahlt wurde, war ich auf ausländische Sender angewiesen, Radio Luxemburg, Wien, Freies Europa. Diese Sender wurden von den Russen mit Störgeräuschen belegt, damit wir den „dekadenten Westen“ nicht hören konnten. Mein pfiffiger Freund, der Elektriker, baute einen Entstörer, der zumindest einen Teil der Geräusche ausfiltern konnte. Ich verbrachte ganze Abende am Radio, um die Songs zu hören und sie in Windeseile zu notieren.

Übrigens, im Herbst 63, als ich wieder mal durch den Äther surfte, wie man heute sagt, hörte ich an einem Novembertag anstelle der Musik permanent den Namen Kennedy… Präsident Kennedy… Ich verstand kein Wort, doch als ich dann notgedrungen zum ungarischen Sender wechselte, erfuhr ich, warum. Der Präsident der USA war erschossen worden. Lähmende Betroffenheit erfasste das Land. Kennedy war auch in Ungarn sehr beliebt, trotz der negativen Berichterstattung. Wir hatten Angst vor einem Weltkrieg. Übrigens, die Kuba-Krise im Jahr zuvor wurde uns schlicht verschwiegen, wir hatten keine Ahnung, dass die Welt um ein Haar in einen Nuklearkrieg geschlittert wäre! Ja, der Eiserner Vorhang… Den Begriff verwendete übrigens Churchill als Erster, zu meiner Jugendzeit war er noch als Politiker aktiv. Ungarn und die anderen osteuropäischen Länder, die unter russischem Protektorat standen, lagen hinter dem Eisernen Vorhang, weil die Grenzen, streng bewacht, nichts und niemanden durchließen. Nur die Radiowellen drangen durch und machten nach und nach den rostigen Vorhang löchrig… (Siehe auch den Artikel Rock’n Roll Lifestyle vom 27. Februar!)

Doch die Musik ging vor. Langsam begannen wir auch zu singen. Ein Sänger nach dem anderen wechselte sich ab, ich war ständig auf der Suche. Gesang war nicht die Stärke der ungarischen Musikszene. In meiner Not sang sogar ich einige Nummern, aber das gefiel mir überhaupt nicht, ich klang wie eine Krähe. Bei meinem allerersten Einsatz, wir spielten You Really Got Me von den Kinks, begann ich in meiner Nervosität eine Quarte zu tief, ein unverzeihlicher Fehler in meinen eigenen Augen, doch korrigierte ich blitzschnell, dem Publikum fiel es kaum auf.

Die Kinks! Vom Westen wehte ein frischer Wind, und mit ihm eine neue, noch nie da gewesene Musik. Den Anfang machten die Beatles, wie man weiß, und in ihrem Sog kamen immer härtere, immer lautere Bands. Der Obrigkeit gefiel das überhaupt nicht. Kommunismus! Was das wirklich bedeutet, weiß nur jemand, der es persönlich erlebt hat. Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen. Nur so viel: es war alles verboten, einfach alles. Was? Wie in Deutschland? Nein. Noch schlimmer, viel schlimmer. Für uns Jugendliche bedeutete das: kuschen, dulden, parieren. Jede Schule hatte ihre eigene Uniformmütze, eine Schildmütze, mit dem jeweiligen Hoheitszeichen der Schule. Tragen war Pflicht, wurde jemand ohne Mütze auf der Straße erwischt, gab es Strafe. Ob Sommer oder Winter, ob warm oder kalt, diese Mütze musste man tragen. Sie erleichterte der Polizei – und den Spitzeln – die Identifizierung der Jugendlichen, es war als hätten wir Nummern auf der Brust, so konnte man nicht so leicht etwas anstellen, der Staat hatte uns besser im Griff. Dachte sie…

Bluejeans waren verboten. Wurde man in Bluejeans erwischt, landete man auf dem Revier, bekam ein Paar Ohrfeigen und durfte in Unterhosen nach Hause gehen.

Die neumodische Yeah-Yeah-Musik war ebenfalls verboten. Polizeispitzel wachten darüber, dass in öffentlichen Lokalitäten nur Musik des „sozialistischen Lagers“ gespielt wurde oder harmloses Zeug wie das von den Shadows.

Auch lange Haare waren verboten. Lang, das bedeutete knapp über den Ohren, und hinten nicht streng ausrasiert. Noch länger und schon war man auf dem Revier, wurde geohrfeigt, kahl geschoren und nach Hause geschickt.

Was wir folgerichtig wollten, waren lange Haare, Jeans, keine Mütze – und Yeah-Yeah-Musik.

Das Jeansverbot wurde dann etwas gelockert, selbst die Polizei sah irgendwann nicht mehr ein, warum Frauen blaue Hosen tragen durften und Männer nicht. Es gab jedoch eine Einschränkung: die Hose durfte nicht gammelig aussehen. Ausgeblichene, ausgefranste Jeans waren weiterhin verboten.

Meine Mutter merkte irgendwann, dass meine selbst gebaute Gitarre völlig spieluntauglich war. Wahrscheinlich war sie auch beeindruckt von meinem Eifer. Weihnachten 64 fuhren wir, wie immer, mit dem Zug nach Budapest zu ihrer Schwester. Am Heiligabend, bei der Bescherung, teilte sie mir dann mit, sie hätte mir in Györ eine echte E-Gitarre für mich gekauft und nicht mit nach Budapest genommen, sonst wäre es ja keine Überraschung geworden. Ich tat etwas, was ich sonst nie gewagt hätte. Ich ließ die protestierende Familie stehen, fuhr mit dem ersten Zug nach Györ zurück, packte die Gitarre aus – sie war eine Jolana, eine rote Fender Stratocaster-Kopie aus der Tschechei – und spielte sie wie ein Wahnsinniger, stundenlang. Als ich am nächsten Morgen erwachte, lag die Gitarre in meinen Armen im Bett.

Was aus der selbst gebauten Gitarre wurde, weiß ich nicht mehr. Vermutlich habe ich sie einfach weggeschmissen, schade.

Dann kam ein großer, grobschlächtiger Bauernbursche zu uns und wollte mitspielen. Der Arme war zwar ein schrecklicher Gitarrist, aber er hatte einen großen, gut klingenden Verstärker, und so durfte er mitspielen. Auch proben konnte man bei ihm, in seiner großen Scheune. Der arme Kerl! Als wir uns endlich eigene Verstärker leisten konnten, warfen wir ihn hinaus und brachen damit sein Herz.

Mittlerweile sang ich mehr: ich hatte einige Gesangstunden genommen, damit ich nicht wie eine sterbende Krähe klang, und sang, unter anderem auch Französisch, das ich genauso wenig verstand, wie englisch. Denn ich hörte nicht nur die Musik raus, sondern auch die Texte und schrieb sie phonetisch, mit der ungarischen Schreibweise auf. Das sah ungefähr so aus:

San dö plü dö rekomsa… de ko tü e la moa…

Das ist ungarfranzösisch, ich habe bis heute keine Ahnung, wie es richtig geschrieben wird und was es bedeutet. Es ist ein Lied von Eddy Mitchell, einem französischen Elvis-Verschnitt, der damals äußerst populär war. Oder:

Ai ken get no sätisfäkschön… bat ai tschra, en ai tschra… A ken get no!

Das muss ich wohl nicht erklären. Einige dieser Hefte, die ich damals mit Texten vollschrieb, besitze ich noch heute. Sie sind wie Reliquien für mich, unersetzlich. Auch jetzt liegt eins vor mir, hier ein Auszug als Rätsel:

Walting… Ju meck ma hart sing… Ju meck evrising huuwei… Walting… (Auflösung: Wild thing, you make my heart sing, you make ev’rything groovy, wild thing.)

Unsere Mikrofone waren anfangs aus alten Telefonen ausgebaute, primitive Kohlenmikros, entsetzlich. Doch da das ganze Equipment diesen Namen ohnehin nicht verdiente, war das schnurzegal.

Und eines Tages lernte ich Karcsi Uhrmann kennen, einen ebenbürtigen Musiker, der mein musikalisches Verständnis völlig umkrempelte und mich für den Rest meines Lebens prägte: er steckte mich an mit dem Blues.

Wir waren gerade auf der Suche nach einem neuen Schlagzeuger. Unter den Bewerbern war ein wahrer Riese, 1.93 groß, schlank und gut aussehend wie ein Filmstar, für Ungarn, die durchschnittlich kleiner waren als die Deutschen, ein außergewöhnlich groß gewachsener Mann, einer der Größten in der ganzen Stadt. Doch nicht das war ausschlaggebend, sondern die Tatsache, dass er wie der Teufel trommeln konnte, und zwar im Stehen, was wir unglaublich cool fanden, auch wenn wir das Wort „cool“ noch nicht kannten. Eine Weile spielte er brav unsere Shadows-Langweiler mit, doch dann zog er mich irgendwann auf die Seite und hielt eine lange Predigt.

Du bist zwar der beste Gitarrist hier, aber was du spielst, ist Müll. Dieses Zeug ist „zickisch“ (ein damals beliebtes Wort für uncool), fast so schlimm, wie die sowjetischen Scheißlieder, die man täglich im Radio hört. Das ist unerträglich. So brav, so blutleer, furchtbar! Du musst mal anhören, was die Stones spielen, die Animals, die Who, die Yardbirds. Das ist BLUES. Schon mal davon gehört?“

Ja, aber…“

Nix aber. Das ist Stil. Scheiß auf den Wohlklang, auf die Harmonielehre! Das ist die einzig wahre Musik. Hör doch mal rein in diese Sachen, für dich ist das ein Klacks. Du musst die Saiten ziehen, bis sie reißen, du musst die Gitarre prügeln, dass die Saiten krachen. Das ist ein ganz besonderer Stil, dazu muss man ein Gefühl haben, ein besonderes Gefühl. Diesen Shadows-Scheiß kann jeder! Der Blues, das ist Musik direkt vom Herzen, sie wurde nicht von diesen biederen Schniegel-Heinis komponiert, die sorgfältig darauf achten, dass ja kein Akkord den anderen kratzt, ja kein Tönchen unschön ist. Sie entstand auf den Baumwollfeldern in Amerika, bei den Schwarzen, während der Sklavenarbeit. Das ist echte, unverfälschte Musik, mit Temperament, Leidenschaft, Blut und Schweiß! Du kannst das, du hast das Feeling. Beschäftige dich damit!“

Ob er wörtlich genau das sagte, weiß ich selbstverständlich nicht mehr. Aber das war ungefähr der Sinn seiner Rede. Er war kein schlechter Psychologe, der Uhrmann, er hatte mich bei meinem Stolz als Musiker, bei meinem Ehrgeiz gepackt. Und er machte mich neugierig. Außerdem war er ein sehr talentierter Musiker, spielte ausgezeichnet Klavier und sein Gehör war dem meinem ebenbürtig. Ich respektierte daher alles, was er sagte. Und der Blues wanderte nach und nach in meinen Kopf, Fleisch und Blut. Bald waren wir so bluesbesessen, dass wir eine andere Musik gar nicht mehr akzeptierten. Alles, was nicht Blues war, war Kommerz, und Kommerz war verachtenswert.

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Wir begannen, die neue Musik zu spielen, zunächst nur im Proberaum, damit niemand sie hören konnte, es war ja verboten. Auch einen Sänger fanden wir endlich, der die Stimme und das Feeling hatte. Bald wurden wir immer bekannter. Wir spielten fast jede Woche und sogar auf großen Festivals, von denen wir einige gewinnen konnten. Eines Tages kam ein Kerl zu mir, den ich bis dato nicht besonders mochte, ein junger Polizist. Er war einer der berüchtigsten Figuren der Stadt. In Györ, einer Stadt mit 80.000 Einwohnern, gab es damals – unvorstellbar, nicht? – ganze vier Personenwagen in privater Hand. Einer gehörte dem Chefarzt des Krankenhauses, einer dem Besitzer der einzigen privaten Reinigung, einer dem gut aussehenden Gynäkologen, der alle Weiber flach legte und bei einem „Unfall“ gleich eigenhändig die Folgen beseitigte, und einer, ein roter Skoda Felicia Cabrio, eben diesem Polizisten. Er und sein Bruder waren die größten Schürzenjäger der Stadt, pfiffen auf alles und jeden, randalierten, stellten unglaubliche Sachen an, rasten auf Motorrädern oder mit dem roten Flitzer mit Tempo 140 durch die Stadt, führten sich auf, prügelten sich herum. Sie durften das. Sie waren Polizisten. Und sie waren Ringer. Groß, breitschultrig, athletisch, gut aussehend, muskulös. Alle Frauen waren hinter ihnen her. Und umgekehrt.

All das macht einen Mann nicht unbedingt sympathisch bei der männlichen Konkurrenz. Auch mir ging es so. Doch als er zu mir kam, musste ich meine Meinung über ihn ändern. Er setzte mir auseinander, dass die Polizei in ihrem Bootshaus eine Band brauchte. Dazu muss man wissen, dass Györ vier Flüsse hat. Überall an den Ufern standen Bootshäuser, fast jede Firma, jede Behörde hatte eins. Sie waren alle gleich gebaut: unten, am Wasser die Schuppen für die Boote, und darüber die Restaurants, große, geräumige Lokalitäten, häufig mit Bühne. Woanders gab es die Clubs, in Györ die Bootshäuser. Allein das war schon verlockend genug. Als er auch noch Geld in Aussicht stellte, wurde es noch verlockender. Den Ausschlag jedoch gab der Satz: „Und ihr könnt spielen, was ihr wollt.“

Und so wurden wir die Hausband der Polizei. Das hatte einige Vorteile: sie jagten uns nicht mehr wegen unseres Outfits, und vor allem konnten wir ungehindert den wildesten Rock’ Roll und Blues spielen, denn die Polizei verbot zwar diese Musik, aber doch nicht im eigenen Haus! Die meisten Polizisten waren jung und Kommunisten waren sie, wie auch ganz Ungarn, nur der Form halber. Das war übrigens der Unterschied zwischen dem ungarischen und dem DDR-Kommunismus: in der DDR wurde der Kommunismus ernst genommen. Wir Ungarn taten nur so.

Wir nahmen das Angebot an und zogen ein. Es war eine unvergessliche Zeit! Bei schönem Wetter spielten wir draußen auf der Terrasse, oder, was noch schöner war, direkt am Wasser, auf dem breiten Steg. Die alte Burgmauer gegenüber warf das Echo unserer Musik zurück, und auf der Brücke über der Donau, die in einiger Entfernung die zwei Hälften der Stadt miteinander verband, rotteten sich die Leute zusammen, hörten uns zu und applaudierten. Es waren herrliche Nächte.

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Zu unseren auswärtigen Auftritten hatte der junge Polizist, der einen Narren an uns gefressen hatte, einen Lastwagen mit Plane organisiert, den er auch selbst fuhr. Das war jedes Mal ein Mordsspaß! Wir saßen auf langen, harten Holzbänken, tranken, lachten, spielten Gitarre, schäkerten mit den Mädchen…

Wenn wir in der Stadt auftraten, gingen wir zu Fuß hin. Wir hatten eine Handkarre, auf die unsere Anlage passte, und zogen und schoben sie durch die Stadt. Das war auch eine ausgezeichnete Reklame, die Leute wussten sofort, heute Abend steigt irgendwo eine Fete, und kamen in Scharen.

Eines Tages schleppte mein Freund, der Elektriker, einen riesigen Lautsprecher herbei. Das Ding war an die dreißig Kilo schwer und musste an einer Steckdose angeschlossen werden. Mein Freund sagte, je größer die passende Box, desto besser klinge sie. Also bauten wir eine Box, so groß wie ein Schrank, und tatsächlich, es klang hervorragend. Über diese gewaltige Box spielten wir alle, über einen 10-Watt-Röhrenverstärker, und transportierten sie mit der Handkarre durch die Stadt…

Inzwischen war ich ein richtiger kleiner Virtuose auf der Gitarre. Ich begann sogar das schnellste Stück, das wir kannten, Orange Blossom Special von den Spotnicks zu üben. Nach einigen Monaten hatte ich es drauf. Sogar in Budapest erfuhr man davon. Ein Gitarrist aus der Provinz hatte sie alle überholt und als Erster in Ungarn Orange Blossom gespielt! Das war wie ein Ritterschlag.

Zum Vergleich: mittlerweile gibt es allein im Raum Memmingen einige Dutzend Gitarristen, die um Längen besser sind als ich. Doch vor fünfzig Jahren war ich einer der Pioniere – worauf ich heute noch stolz bin. Die Widrigkeiten, auf die wir stießen, konnten uns nicht bremsen. Ich wurde sogar beinahe der Hochschule verwiesen, als meine Lehrer erfuhren, dass ich Rockmusik machte! Mittlerweile wird im selben Haus Rock, Pop und Jazz unterrichtet…

Meine Fähigkeiten hatten sich mittlerweile in weiten Kreisen herumgesprochen, und so war ich bald sehr vielfältig tätig. Neben meiner eigenen Band spielte ich noch in anderen Formationen, in Tanzbands, Jazzkapellen, in der (verbotenen) Band der Hochschule, alles aus dem Stegreif, ohne groß zu proben, improvisativ. Auch ältere Musiker, richtige Profis meldeten sich bei mir. Gitarristen waren rar, und Jobs gab es in Hülle und Fülle, Hochzeiten, Geburtstage, Betriebsfeste. Die alten Musiker merkten bald, dass sie ohne Gitarre nicht den Erfolg hatten wie früher, was sich auch in der Gage niederschlug. Sie holten mich. Ich verdiente mit 18-19 Jahren schon richtiges Geld, für einen Auftritt bekam ich 100 bis 200 Forint! Zum Vergleich: das monatliche Gehalt eines Angestellten oder Arbeiters lag bei 1500-2000 Forint. Ich begleitete auch die Künstler des Theaters, wenn sie anderweitige Auftritte hatten. Ein Klavier gab es in den wenigsten Lokalitäten, eine Gitarre konnte man jedoch überall einsetzen. Ich ging mit, egal, ob es Liederabende, Schlager, Operetten oder gar Opernarien waren. Irgendwie konnte ich alles begleiten. Freilich möchte ich nicht hören, was ich damals anstellte, aber eine bessere Alternative gab es nicht, es musste einfach gehen. Ich werde nie vergessen, einmal hatte ich einen Auftritt in einem der zahlreichen Erholungshaine um die Stadt, unter freiem Himmel, ich sollte den Tenor unseres Theaters begleiten. Als wir angekommen waren, stellte sich heraus, dass weit und breit kein Strom zur Verfügung stand. Zum Glück waren über der improvisierten Bühne zwei nackte, nicht isolierte Stromkabel gespannt, in 4-5 Meter Höhe. Ich demontierte die lange Leitung meines Verstärkers, trennte sie in zwei Hälften, befreite sie vom Stecker, bog die Spitzen zurecht – zum Glück verwendete man damals noch nicht das heute gebräuchliche, weiche Drahtgeflecht, sondern starre, dicke Kupferdrähte – warf sie so oft in die Höhe, bis sie sich in die Stromkabel verhakten, und fertig, ich hatte Strom und konnte begleiten!

Durch meine Tätigkeit lernte ich Ernö Vécsey, einen bekannten Komponisten, Dirigenten und Pianisten kennen. Er dirigierte in unserem Theater Operetten und Musicals, auch seine eigenen. Und weil das Theaterorchester für ihn nicht modern genug klang, holte er mich als Gitarristen dazu. Er war überzeugt von meinem Talent und förderte mich nach Kräften. Er wurde zu einem väterlichen Freund für mich. Fortan spielte ich regelmäßig im Theaterorchester und lernte dadurch viel. Und eines Tages hörte ein gewisser Herr Kaiser, ein landesweit bekannter Unterhaltungsmusiker von mir, ließ mich Probe spielen, und bot mir eine Stelle in seiner Band an: ich durfte, ein unglaubliches Privileg damals, mit ihm nach Westdeutschland reisen. Ich war der jüngste ungarische Musiker, vor dem sich der eiserne Vorhang öffnete! Das war 1968, und damit begann ein völlig anderes Leben…

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Was danach kam, ist, zumindest hier im Blog, nicht interessant. Doch diese Anfänge, voll von Widrigkeiten und Kämpfen, aber auch von unglaublichen Abenteuern und Höhen, möchte ich nicht missen – und wollte meinen Lesern nicht vorenthalten. In den nächsten Wochen werde ich auch von den Anfängen meiner PrimeStone – Kollegen berichten!