Archive | September 2014

Fly in 5.9.2014, Spectacel, Inning

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Nein, liebe Leser, der Titel täuscht. Wir fuhren ganz normal mit dem Auto hin, das Fliegen kam erst später. Zunächst war nicht die Rede davon, obwohl… Schon damals, im Februar, als wir bei einem Doppelkonzert dabei waren, war uns das urige Lokal neben dem großen Saal aufgefallen. Die Einrichtung ähnlich wie in den Hard Rock Cafés, nur gemütlicher, heimeliger. An den Wänden und von der Decke hingen Gitarren, überall alte Möbelstücke und Flohmarktzeug, und schon im Vorraum eine gigantische, etwa fünf Meter große Gitarre… genau die richtige Räumlichkeit für einen Clubauftritt. Nicht einmal eine Bühne war vorhanden, nur ein großer Teppich, der den Platz der Band markierte. Anfangs hatte ich sogar Vorbehalte dagegen, aber das vermeintliche Handicap erwies sich als Vorteil: so waren wir in Augenhöhe mit dem Publikum, das rasch den Raum füllte. So entwickelte sich, kaum dass wir begannen, eine intime Atmosphäre, die sich auf einer Bühne so nicht ergibt. So beschlossen wir, nicht mit dem üblichen Free Me zu beginnen. Gimme Some Lovin’ explodierte förmlich in die Menge hinein, und augenblicklich waren die Leute da, sie klatschten und sangen mit, stampften mit den Füßen… Wir schoben einige Beatles-Songs nach, dann wechselte Wolli auf Gitarre. Sultans Of Swing ist normalerweise der Blockbuster, mit dem wir auch Skeptiker auf unsere Seite ziehen, doch hier war das nicht nötig. Die richtige Stimmung war vom Anfang an da, und wir merkten, ähnlich wie im April in Augsburg, dass es ein echtes Rock-Publikum war, nicht auf Party und Krach aus, sondern sachverständig und die pure Leistung honorierend. Auch Paul, der Chef: jedes Mal wenn er vorbei lief, grinste er uns an und hob den Daumen. Wir beendeten die erste Runde mit unserer Spezialversion von Breakfast In America und Cocaine, bei dem Wolli eine Berserker-Improvisation hinlegte! 

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Zweite Runde: Zuerst zeigen wir unsere Verbundenheit mit Blues, Jazz und Reggae, und dann beginnt der Wahnsinn, mit White Room, Lonesome Loser und zum Schluss Hotel California. Bei diesen Songs flippt das Publikum vollends aus, allen voran unsere Freunde Ava und Hans aus Türkheim, die wir gar nicht erwartet hatten. Die Leute klatschen und johlen nach jedem Solo, bei jedem hohen Ton – Wolfis Stimme ist wuchtig und fest, gar nicht selbstverständlich in dem Alter (nicht hauen, Wolfi, mich holst nicht mal du ein!) – der Funke springt zu uns zurück, und der Fly beginnt.

(Wikipedia: Flow (engl. „Fließen, Rinnen, Strömen“) bezeichnet das Gefühl der völligen Vertiefung und des Aufgehens in einer Tätigkeit, auf Deutsch in etwa Schaffens- bzw.Tätigkeitsrausch oder Funktionslust. Der Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi gilt als Schöpfer der Flow-Theorie, die er aus der Beobachtung verschiedener Lebensbereiche, u.a. von Chirurgen und Extremsportlern, entwickelte und in zahlreichen Beiträgen veröffentlichte. Heute wird seine Theorie auch für rein geistige Aktivitäten in Anspruch genommen.)

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Man sagt mir Virtuosität nach, was zweifellos stark übertrieben ist. Davon bin ich weit entfernt. Doch in diesem Zustand, allgemein Flow genannt, der aber in Wirklichkeit ein Fly ist, weil ich dabei das Gefühl habe, zu schweben, gelingen mir auf beiden Instrumenten Sachen, die ich eigentlich nicht spielen kann. Es ist ein sonderbarer Zustand, ein Rausch ohne Drogen, ein Gefühl als ob man schwebt, man ist in unmittelbarer Verbindung mit einer unsichtbaren Kraft, die gleichzeitig unbändige Energie und göttliche Inspiration in einen pumpt. Man spielt die Melodie oder improvisiert darauf, und plötzlich hört die Konzentration, das Denken auf, und eine fremde Stimme, die man hört, übernimmt die Macht. Ein Gefühl der Glückseligkeit stellt sich ein, man lässt sich von der Stimme führen, lässt willenlos zu, dass ein gleißender Lichtstrahl ihn als Medium benutzt, als Medium für sphärische Musik, man muss nichts tun, nur diesem Strahl folgen. Jeder Ton, den man spielt oder singt, ist richtig, mehr noch, göttlich, und das Publikum merkt es und wird ganz still, andächtig still, um danach zu explodieren. Die Euphorie, die man dabei verspürt, kann noch tagelang anhalten. Und es ist sehr, sehr selten. Es kann nicht auf Befehl abgerufen werden, lässt sich nicht künstlich herstellen. Tausende Künstler waren gestorben, weil sie diesem Gefühl mit Hilfe von Drogen oder Alkohol nachjagten. Man kann süchtig werden danach und depressiv, wenn es nicht kommt.

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Zum Glück bin ich nicht suchtgefährdet. Wenn der Rausch kommt, nehme ich es dankbar an und genieße es, koste es ganz bewusst aus und zehre davon, Monate, Jahre lang. An die meisten Flys meines Lebens kann ich mich sogar erinnern.

Und es geschieht nur, wenn das Publikum gut ist. Bei mir jedenfalls ist fast immer das Publikum, das diesen Ausnahmezustand auslöst, und deshalb bin ich ihm immer dankbar, wenn er sich einstellt, so wie auch dieses Mal. Selig genoss ich das Schweben, den Fly, und plötzlich dachte ich: Und sollte ich jetzt, in diesem Moment, tot umfallen, dann wäre es in Ordnung.

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Das ist freilich der Gedanke eines älteren Menschen, der sich seit geraumer Zeit mit diesem Thema beschäftigt, und ich möchte auch nicht näher darauf eingehen. Nur soviel: gerade aus diesem Grund, dem Wissen um die Endlichkeit aller Dinge, kann ich diese wunderbaren Momente mit der Musik, mit dem Publikum noch viel intensiver als früher genießen.

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Und so ähnlich muss es den Anderen ergangen sein, Wolli, der auf seinen Keyboards zu einem Tier wurde, Flogge, der sowieso The Animal ist und dieses Mal über sich hinauswuchs, und Wolfi, der bei unserem anschließenden Gespräch mit dem enthusiastisch engagierten Paul genau dies beschrieb, dieses Gefühl des Über-dem-Boden-Schwebens, das er erlebte.

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Auch in der dritten Runde dauert es an, ungewöhnlich lang. Wir schweben über dem Boden, es läuft gigantisch, und Baker Street ist wieder einmal der Hammer. Was für eine Stimmung, was für ein Publikum, was für ein Abend! Wir müssen sogar zwei Zugabenblöcke nachschieben, und am Ende sind wir total erschöpft und total glücklich. Danke, Spectacel, wir kommen wieder!!

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