Archive | July 2015

Plattenspieler: Kultobjekt zum Meditieren und Lernen

Ich weiß, dieser Artikel hat recht wenig mit Primestone zu tun. Aber mit Musik. Mit dem guten alten, altmodischen Hören von Musik im 20. Jahrhundert, als es noch nicht so viel Stress, Hektik und vor allem keine digitalen Tonträger gab.
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: ich vergehe hier nicht vor lauter Nostalgie. Nur, wie fast jede Epoche, hat auch jene von den 50-ern bis zu den späten 80-ern ihr Gutes. Auch in der Musik. Und darüber möchte ich einige Worte (und vielleicht sogar Sätze) verlieren.
Es war wieder einmal Zeit, meinen ollen Kabuff zu entrümpeln. Dort sammelten sich im Laufe der letzten Jahre diverse Möbelstücke, Bücher, Kleidung, nicht benötigter technischer Kram. Dabei fiel mir mein uralter Dual-Plattenspieler, den ich bestimmt seit 20 Jahren nicht mehr wahrgenommen habe, in die Hände.

dual-cs-721_167068
Plattenspieler! Zwar hörte ich schon oft, Platten seien wieder trendy, aber von so etwas lasse ich mich nicht beeinflussen, sonst würde ich auch bis zum Knie heruntergelassene Hosen, mittelalterlich anmutende Kapuzen und ferrarirote Schuhe tragen. Ein Bild für die Götter, in meinem Alter… Nein, nein. Nur, ich erinnerte mich an den typisch warmen Klang der Platten, so frei von zischenden Hochtönen und dröhnenden Bässen, wie sie heute so „in“ sind, aber mit sonoren Mitten, weichen Höhen und knurrendem, sauberem Bass. Ich wurde neugiereig. Ich habe zwar einen tollen Flachbildfernseher, aber dessen Ton ist so grauslig, dass ich ihn in meine Stereoanlage integriert habe: zwei riesige Celestion-Hifi-Boxen (gebraucht, 250 Juros), von einem mindestens 35 Jahre alten Receiver von Harman Kardon (selbstverständlich Röhren, Ebay für’n Huni!) angetrieben. Die modernste 5.1 Digitalanlage klingt daneben wie eine rostige Blechbüchse, das können Sie mir glauben! Die Grundlage hatte ich also bereits.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Das Anschließen jedoch verlief, sagen wir mal, nicht ganz rund. Doch das dachte ich mir schon. Das alte, verstaubte Ding reinigen. Ein Zwischendeck in meine Fernsehkommode einbauen. Den Receiver mühsam herausnehmen, um an die Rückseite zu gelangen. Festzustellen, dass der Plattenspieler (gibt es nicht ein kürzeres Wort dafür, verdammt, zum Beispiel Plaplayer oder so?) ein Netzgerät braucht, das ich nicht habe, obwohl ich eine ganze Kiste Netzgeräte in eben diesem Kabuff bunkere. Media Markt, 30 Euro – ich bin doch blöd – wieder daheim, Anschließen. Geht nicht. Wackelkontakt. Reciever beginnt zu spinnen. Wackelkontakt. Gemacht, alles eingebaut. Plaplayer: geht nicht. Raus damit. Öffnen. Kontakt hinbiegen. Wieder rein. Wiederholung. Wiederholung. Und nochmal Wdhg.
Und dann dreht sich der Teller. Hurra! Platten, wo sind meine alten Platten? Kabuff. Staub, Suche. Da sind sie! Welche auflegen? Zauberflöte, Humble Pie, Schlagerparade, Tom Jones?
Tom Jones! Bitte nicht schlagen, aber ich mag den alten Kerl. Das hat mit Nostalgie nur so viel zu tun, dass ich vor 46 Jahren mit einem hervorragenden Pianisten spielte, der gerne Tom Jones sang. Und ich erinnere mich gern an gute Musiker.

tom_jones-the_best_of_tom_jones_a

Also, ich lege eine LP von Tom Jones auf. Und drehe den betagten Reciever bis zur Hälfte auf. Und horche. Und da ist es wieder, dieser unverwechselbar warm-mittig klingende Sound der Röhrenanlage mit Plattenspieler, den man digital einfach nicht hinbekommt, egal was man tut. Freilich, etwas Gehör braucht man auch dazu, doch wer es hat, kann mir beipflichten: dieser Sound ist unschlagbar. Und noch etwas:
Der gute alte Tom ist ein fabelhafter Sänger, das muss man anerkennen, auch wenn man den Stil nicht mag. Und, im Gegensatz zur CD, wenn eine Platte endlich läuft, dann lässt man sie auch laufen, und springt nicht alle zehn Sekunden zum nächsten Stück, nur weil man ein Lied nicht so mag. Es ist einfach zu aufwendig: hingehen, Deckel heben, Nadel vorsichtig anfassen – aua, Kratzer! – hoffen, dass man den Anfang des nächsten Songs genau trifft… Nix Fernbedienung, nix Bluetooth und Smartphone. Nee, ich lasse es lieber laufen.
Und damit beginnt eine Art Meditation. Das Ding zwingt einen zur Ruhe. Ruhe! Abwarten können. Zuhören. Entspannen. Und plötzlich befindet man sich in einem Zustand, den man eigentlich längst vergessen hat. Entschleunigung. Ein Scheiß-Wort, aber treffend. Yoga, autogenes Training, Meditation.

yogi

Und dabei entdeckt man mehrere Dinge:
Dieser Kerl ist, wie gesagt, ein fabelhafter Sänger, mit einer kraftvollen, männlichen Stimme, die man im heutigen Pop-Business nicht findet. Mit Verlaub, die meisten Popsänger heute haben ein furchtbares, dünnes, pubertäres Gesäusel drauf, das ich nicht hören kann, echte Rockmusik mal ausgenommen. Denn dort sind noch richtige Männer – und Frauen – am Werk, keine süüüßßß (lispelnd aussprechen!) aussehende, gecastete Halbwüchsige, die von der Musik nicht die leiseste Ahnung haben… (Damit hier die Verbindung zu diesem Blog geknüpft wird!)

justin

Und aus den eben genannten Gründen sprang ich nicht auf, um etwas anderes aufzulegen, nur weil ich vielleicht zum ebenfalls guten alten Eric oder Led Zeppelin zappen möchte, lusthalber. Ich hörte die A-Seite schön geduldig zu Ende, eine knappe halbe Stunde lang. Dann drehte ich die Scheibe ehrfürchtig um – Vorsicht, Wackelkontakt, Nadelspitze! Und lehnte mich zurück. Und lernte.
Ja, als Musiker lernt man nämlich ein Leben lang, sonst ist man keiner. Von Tom Jones lernte ich – nicht erst jetzt, sondern schon damals – dass man jeden einzelnen Ton, jede Silbe so sorgfältig, so minuziös artikulieren kann, als ob das Leben davon abhinge. Darin ist er ein Meister. Und mit dieser Stimme und dieser Technik kann man Gefühle transportieren, die berühren. Das geht übrigens nicht nur beim Singen, sondern auch auf allen Instrumenten: sorgfältig spielen, präzise intonieren, der Musik Seele einhauchen.
Und so verharre ich vor meiner alten Stereoanlage, mit geschlossenen Augen, bei einer Musik, deren Hälfte mir nicht einmal zusagt, und genieße trotzdem. Und meditiere. Und lerne. Lerne vom Plattenspieler, was man von einer CD so, in dieser Intensität, nicht lernen kann.

Advertisements

Doppelspiel einer jungen alten Band (Don’t think twice, it’s alright…)

11024785_978868425476742_7637754367542245516_o

Primestone – eine scheinbar alte, in Wirklichkeit aber junge Band

Ja, wer uns kennt, weiß: wir sind beides, jung und alt. (Es macht Spaß, damit zu kokettieren!) Das ist Vorteil und Nachteil zugleich. Vorteil, weil wir eine große Bühnenerfahrung haben und Nachteil, weil eine neu gegründete Band mehrere Jahre braucht, bis sie sich etabliert. Da ist jede Hilfe willkommen! Und bei unseren letzten zwei Auftritten bekamen wir kräftige Schützenhilfe von unseren Freunden von Helter Skelter – Danke, Jungs (und 1 Mädel!)!

helter primestone

Sie fragten uns vor einigen Wochen, ob wir bereit seien, als Support mit ihnen aufzutreten. Und ob wir bereit waren! Freilich nicht nur, weil wir wussten, zu ihnen kommen mehrere Tausend Leute, und dieser Umstand eine hervorragende Reklame für unsere junge/alte Band ist, sondern weil sie wirklich eine großartige Band sind, und vor ihnen aufzutreten (und zu bestehen) eine große Herausforderung ist.

11225097_978870138809904_4063152936589318124_o (1)

Bestehen wir vor einem Publikum, dass eigentlich wegen HS da ist?

Der erste gemeinsame Auftritt fand am 4.7.15 in Ulm statt: es war eine Jubiläumsfeier der Firma EVO Busse. Bei brütender Hitze bauten wir auf in der großen Werkhalle, die man zu diesem Zweck vollständig geleert hatte. Und bekamen eine Kostprobe von der Logistik von Helter Skelter (und der Fa. EVO, natürlich): es war einfach alles perfekt organisiert. Der Aufbau der großen Anlage – die Roadies arbeiteten unermüdlich seit 6 Uhr früh; das Umfeld – aufmerksame und sehr hilfsbereite Frauen und Männer von der Firma, die uns unterstützten, wo sie nur konnten; die Verpflegung – Essen und Trinken in Hülle und Fülle, sogar in einem eigens dafür gestellten, relativ kühlen Raum.

Doch nun zum Konzert: Nach sorgfältigem Soundcheck eröffneten wir den Auftritt mit unserem ersten eigenen Song We Are Primestone, den unser Wolfi für uns komponierte. Die Halle war noch nicht voll, doch das Publikum war sofort dabei, und augenblicklich auf unserer Seite. Super! Die anfängliche Spannung wich sofort. Jetzt darf ich zugeben: etwas Lampenfieber war da, (auch wenn wir alte Hasen sind – oh, schon wieder das Alter…), denn wir sind eine Clubband, und nur zu viert auf der riesigen Bühne…

erkheim1

Zu viert auf der riesigen Bühne…

Und wir rockten! Bei der infernalen Hitze floss der Schweiß in unsere Augen, die Hände klebten an den Instrumenten, aber das war egal, denn es fühlte sich großartig an. Und während wir spielten, strömten die Menschen herein, es wurden immer mehr… und als Wolfi nach einer dreiviertel Stunde zur Schlusssequenz von Davy’s On The Road Again ansetzte, sangen sie mit, und wollten anschießend ZUGABE! ZUGABE!

11713935_978870415476543_7279075169007712883_o

Wolli’s on the road again!

Und obwohl wir diesen Wunsch aus Zeitgründen nicht erfüllen konnten, genossen wir die Reaktion des Publikums sehr, denn es ist nicht selbstverständlich, dass man von einer Vorband Zugabe will.

887581_978869128810005_3724744076886425362_o

Two Animals rock the stage!

Anschließend mischten wir uns unter das Volk, empfingen Komplimente, und als Helter Skelter loslegte, feierten wir mit, denn diese Band ist wirklich Spitzenklasse, das kann ich euch sagen!

evobus_14

Helter Skelter bei EVO

Sechs Tage später. Wieder sind wir Vorband von Helter Skelter, diesmal vielleicht sogar wichtiger als letzte Woche, denn es ist ein Heimspiel – Erkheim – und öffentlich: es ist der 50. Erkheimer Volksfest.

Erkheimer-Volksfest

Der Ablauf im Vorfeld ist ähnlich professionell wie beim letzten Mal. Dann stehen wir auf der Bühne im riesigen Zelt, die Plätze vor uns ordentlich besetzt, und legen los. Wir haben unser Programm geringfügig geändert – es ist gar nicht leicht, die Songs zusammenzustellen, die uns in 45 Minuten repräsentieren sollen – und spielen uns den Leib aus der Seele – oder umgekehrt, wenn ihr wollt… Denn bei einem so kurzen Auftritt hat man kein Sicherheitsdenken im Kopf, die Kraft muss nicht für vier Stunden reichen, man kann fetzen, was das Zeug hält, und das machen wir auch. Es ist gigantisch, wenn man nur das spielt, was man liebt, und das jeder von uns, denn wir haben schon bei der Gründung der Band beschlossen, nur Songs zu spielen, die jedem von uns uneingeschränkt gefallen. Und das Erkheimer Publikum spürt das, feuert uns vom Anfang an an (an an? An an an!!), es ist großartig, wenn man als Vorband so gut ankommt. Und als die letzten Töne erklingen, wollen die „Zugabe!“-Rufe nicht enden, es ist unglaublich.

11741212_978868678810050_4683543692270375238_o

How does it feel?… wenn das Publikum ZUGABE ruft? Fäntästik!

Fazit im Nachhinein: der Auftritt als Support war eine sehr interessante – und positive – Erfahrung. Vor allem der Zwang, die zu spielenden Songs so auszuwählen, dass sie nicht nur unser Konzept und Können ausdrücken, sondern auch noch ein in sich stimmiges Ganzes bilden. Gar nicht leicht! Und zu erfahren, wie viel Konzentration es erfordert, ein technisch anspruchsvolles Lied am Anfang des Programms mit der gleichen Qualität abzuliefern, wie bei einem 3-Stunden-Gig erst in der zweiten Stunde, gut aufgewärmt und freigespielt. Und, und, und… Eine tolle Erfahrung, die wir nicht missen wollen.

10995610_978869265476658_8170599457494577588_o

Wolfis Hemd hält dem technischen Anspruch stand…

Noch etwas. Helter Skelter. Wenn man mitten im Publikum steht, hat man keine Ahnung, was hinter dem Ganzen steckt. Man sieht die Lichter, hört die Musik. Dass die Jungs kolossal gut sind, weiß man bereits. Was man nicht weiß, welche Arbeit dahinter steckt. Es gehört mehr als nur Fleiß und Organisationsfähigkeit dazu. Um eine Show in dieser Qualität abzuliefern, muss man besessen sein
Die riesige Anlage. Das Lichtequipment. Die Anzahl der Instrumente. Die Werbung. Die ganze Logistik. Der Zeitaufwand. Risiken eigehen. Wasweißich. Und nochmal wasweißich.

40-DSC_1623-468x311

Besessen…

Also, wer das in dieser Größenordnung betreibt, muss tatsächlich besessen sein. Alles muss stimmen. Nichts darf schiefgehen. Und vor allem: der Wille, das in dieser Dimension durchzuführen, muss da sein. Da muss man innerlich brennen, das kann man nicht mit geschäftlichem Kalkül planen, denn bei dem Aufwand ist es gar kein so großes Geschäft. Nein, das geht nur, wenn man es bedingungslos liebt, und bereit ist, dafür körperlich, seelisch, geistig, und auch finanziell, alles zu geben.
Ich glaube, wir bleiben doch eine Clubband.
Oder??

11722309_978870178809900_342334357849128588_o

Besessen…