Plattenspieler: Kultobjekt zum Meditieren und Lernen

Ich weiß, dieser Artikel hat recht wenig mit Primestone zu tun. Aber mit Musik. Mit dem guten alten, altmodischen Hören von Musik im 20. Jahrhundert, als es noch nicht so viel Stress, Hektik und vor allem keine digitalen Tonträger gab.
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: ich vergehe hier nicht vor lauter Nostalgie. Nur, wie fast jede Epoche, hat auch jene von den 50-ern bis zu den späten 80-ern ihr Gutes. Auch in der Musik. Und darüber möchte ich einige Worte (und vielleicht sogar Sätze) verlieren.
Es war wieder einmal Zeit, meinen ollen Kabuff zu entrümpeln. Dort sammelten sich im Laufe der letzten Jahre diverse Möbelstücke, Bücher, Kleidung, nicht benötigter technischer Kram. Dabei fiel mir mein uralter Dual-Plattenspieler, den ich bestimmt seit 20 Jahren nicht mehr wahrgenommen habe, in die Hände.

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Plattenspieler! Zwar hörte ich schon oft, Platten seien wieder trendy, aber von so etwas lasse ich mich nicht beeinflussen, sonst würde ich auch bis zum Knie heruntergelassene Hosen, mittelalterlich anmutende Kapuzen und ferrarirote Schuhe tragen. Ein Bild für die Götter, in meinem Alter… Nein, nein. Nur, ich erinnerte mich an den typisch warmen Klang der Platten, so frei von zischenden Hochtönen und dröhnenden Bässen, wie sie heute so „in“ sind, aber mit sonoren Mitten, weichen Höhen und knurrendem, sauberem Bass. Ich wurde neugiereig. Ich habe zwar einen tollen Flachbildfernseher, aber dessen Ton ist so grauslig, dass ich ihn in meine Stereoanlage integriert habe: zwei riesige Celestion-Hifi-Boxen (gebraucht, 250 Juros), von einem mindestens 35 Jahre alten Receiver von Harman Kardon (selbstverständlich Röhren, Ebay für’n Huni!) angetrieben. Die modernste 5.1 Digitalanlage klingt daneben wie eine rostige Blechbüchse, das können Sie mir glauben! Die Grundlage hatte ich also bereits.

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Das Anschließen jedoch verlief, sagen wir mal, nicht ganz rund. Doch das dachte ich mir schon. Das alte, verstaubte Ding reinigen. Ein Zwischendeck in meine Fernsehkommode einbauen. Den Receiver mühsam herausnehmen, um an die Rückseite zu gelangen. Festzustellen, dass der Plattenspieler (gibt es nicht ein kürzeres Wort dafür, verdammt, zum Beispiel Plaplayer oder so?) ein Netzgerät braucht, das ich nicht habe, obwohl ich eine ganze Kiste Netzgeräte in eben diesem Kabuff bunkere. Media Markt, 30 Euro – ich bin doch blöd – wieder daheim, Anschließen. Geht nicht. Wackelkontakt. Reciever beginnt zu spinnen. Wackelkontakt. Gemacht, alles eingebaut. Plaplayer: geht nicht. Raus damit. Öffnen. Kontakt hinbiegen. Wieder rein. Wiederholung. Wiederholung. Und nochmal Wdhg.
Und dann dreht sich der Teller. Hurra! Platten, wo sind meine alten Platten? Kabuff. Staub, Suche. Da sind sie! Welche auflegen? Zauberflöte, Humble Pie, Schlagerparade, Tom Jones?
Tom Jones! Bitte nicht schlagen, aber ich mag den alten Kerl. Das hat mit Nostalgie nur so viel zu tun, dass ich vor 46 Jahren mit einem hervorragenden Pianisten spielte, der gerne Tom Jones sang. Und ich erinnere mich gern an gute Musiker.

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Also, ich lege eine LP von Tom Jones auf. Und drehe den betagten Reciever bis zur Hälfte auf. Und horche. Und da ist es wieder, dieser unverwechselbar warm-mittig klingende Sound der Röhrenanlage mit Plattenspieler, den man digital einfach nicht hinbekommt, egal was man tut. Freilich, etwas Gehör braucht man auch dazu, doch wer es hat, kann mir beipflichten: dieser Sound ist unschlagbar. Und noch etwas:
Der gute alte Tom ist ein fabelhafter Sänger, das muss man anerkennen, auch wenn man den Stil nicht mag. Und, im Gegensatz zur CD, wenn eine Platte endlich läuft, dann lässt man sie auch laufen, und springt nicht alle zehn Sekunden zum nächsten Stück, nur weil man ein Lied nicht so mag. Es ist einfach zu aufwendig: hingehen, Deckel heben, Nadel vorsichtig anfassen – aua, Kratzer! – hoffen, dass man den Anfang des nächsten Songs genau trifft… Nix Fernbedienung, nix Bluetooth und Smartphone. Nee, ich lasse es lieber laufen.
Und damit beginnt eine Art Meditation. Das Ding zwingt einen zur Ruhe. Ruhe! Abwarten können. Zuhören. Entspannen. Und plötzlich befindet man sich in einem Zustand, den man eigentlich längst vergessen hat. Entschleunigung. Ein Scheiß-Wort, aber treffend. Yoga, autogenes Training, Meditation.

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Und dabei entdeckt man mehrere Dinge:
Dieser Kerl ist, wie gesagt, ein fabelhafter Sänger, mit einer kraftvollen, männlichen Stimme, die man im heutigen Pop-Business nicht findet. Mit Verlaub, die meisten Popsänger heute haben ein furchtbares, dünnes, pubertäres Gesäusel drauf, das ich nicht hören kann, echte Rockmusik mal ausgenommen. Denn dort sind noch richtige Männer – und Frauen – am Werk, keine süüüßßß (lispelnd aussprechen!) aussehende, gecastete Halbwüchsige, die von der Musik nicht die leiseste Ahnung haben… (Damit hier die Verbindung zu diesem Blog geknüpft wird!)

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Und aus den eben genannten Gründen sprang ich nicht auf, um etwas anderes aufzulegen, nur weil ich vielleicht zum ebenfalls guten alten Eric oder Led Zeppelin zappen möchte, lusthalber. Ich hörte die A-Seite schön geduldig zu Ende, eine knappe halbe Stunde lang. Dann drehte ich die Scheibe ehrfürchtig um – Vorsicht, Wackelkontakt, Nadelspitze! Und lehnte mich zurück. Und lernte.
Ja, als Musiker lernt man nämlich ein Leben lang, sonst ist man keiner. Von Tom Jones lernte ich – nicht erst jetzt, sondern schon damals – dass man jeden einzelnen Ton, jede Silbe so sorgfältig, so minuziös artikulieren kann, als ob das Leben davon abhinge. Darin ist er ein Meister. Und mit dieser Stimme und dieser Technik kann man Gefühle transportieren, die berühren. Das geht übrigens nicht nur beim Singen, sondern auch auf allen Instrumenten: sorgfältig spielen, präzise intonieren, der Musik Seele einhauchen.
Und so verharre ich vor meiner alten Stereoanlage, mit geschlossenen Augen, bei einer Musik, deren Hälfte mir nicht einmal zusagt, und genieße trotzdem. Und meditiere. Und lerne. Lerne vom Plattenspieler, was man von einer CD so, in dieser Intensität, nicht lernen kann.

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2 responses to “Plattenspieler: Kultobjekt zum Meditieren und Lernen”

  1. Michael Lebherz says :

    Danke für den wunderbaren Artikel ! Habe mir vor 3 Jahren einen neuen Plattenspieler gekauft, um dem “Loudness war” vieler aktueller Aufnahmen zu entkommen. Es ist, wie wenn man eine schöne Flasche Rotwein öffnet, ein Gläschen einschenkt und geniesst. In unserer schnellen, oft oberflächlichen
    Digitalwelt eine Abwechslung, ähnlich dem Urlaubmachen vom vielen Arbeiten.
    Leider sehen sich viele Mastering-Studios anscheinend gezwungen, durch massives Brickwalll-Mastering jegliche Dynamik der Musik zu entziehen, nur um im Radio-Airplay tonal heraus zu stechen und sich gewissermassen gewaltsam in die Gehörgänge der jungen Leute zu bohren. Nur: kaufen die sich heute noch Tonträger ???

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