Archive | August 2015

Nachruf für Mini Weiß

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Ein Freund ist gegangen. Nicht der erste in meinem Leben, auch nicht der erste Musiker, mit denen ich je spielte, aber als der Vorletzte (Franz Bail, ebenfalls Urwerk-Mitglied) ging, gab es den Blog noch nicht. Und ich empfinde es als Pflicht, hier nicht nur über unsere Primestone-Erlebnisse, größtenteils heiter und positiv, zu berichten, sondern auch über die traurigen Geschehnisse in unserem Umfeld: ganz besonders über dieses Geschehnis.img_0524 Fotos: Mini Weiß mit Urwerk40

Wenn jemand stirbt, löst das sehr unterschiedliche Gefühle in mir aus. Wenn ich ihn nicht kenne, lässt es mich ziemlich kalt – sonst würde man verrückt bei all den Toten, über die man täglich hört. Doch wenn ich ihn kenne, sind die Gefühle vielschichtig, je nachdem, ob flüchtiger Bekannte, guter Freund, Kollege, ob unsere Begegnungen überwiegend positiv oder negativ waren… Das ist normal, so kennt es jeder, glaube ich.

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Und je älter man ist, desto häufiger erlebt er, dass jemand in seinem Umfeld stirbt. Auch das ist normal, denn niemand lebt ewig, und das Umfeld altert mit einem. Nur, es ist nicht gleich, wer es ist und wie alt. Mich persönlich trifft am meisten, wenn der Tod jemanden ereilt, der jünger ist als ich. Das empfinde ich als ungerecht, obwohl ich selbstverständlich weiß, dass es unvermeidlich ist. Doch so ist es nun mal.

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In den letzten Jahren starben in meinem Verwandtschaft und Freundeskreis erschreckend viele, die jünger waren als ich. Zu denen gehört nun mein Musikerkollege und Freund Mini Weiß.
Mini lernte ich 1989 kennen, als wir Fireball gründeten. Dann folgte eine längere Pause, wir verloren uns aus den Augen, bis 2007, als ich bei Urwerk40 einstieg. Auch als ich Primestone gründete und Urwerk verließ, blieben wir in Kontakt, bis ich letztes Jahr von seinem Schlaganfall hörte. Ich wollte ihn besuchen, aber zwei Todesfälle in meiner Familie beschäftigten und berührten mich so stark, dass ich den Besuch immer wieder hinauszögerte.

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Und jetzt geht das nicht mehr, wofür ich mir Vorwürfe mache. Doch meine Empfindlichkeiten spielen hier keine Rolle. Mini war elf Jahre jünger als ich! Das ist das eigentlich Ungerechte, nicht der Tod selbst. Wenn man wenigstens sagen könnte, dass er selbst schuld war, aber nicht einmal das. Er lebte gesund, trank nicht, rauchte nicht, hatte eine tolle Familie, Freunde… Das Leben ist nicht fair, sang Grönemeyer vor Jahren.

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Trauer hat viele Gesichter. Oft ist Eigenliebe, Egoismus dabei, auch Heuchelei, manchmal sogar Erleichterung. Sterben die Eltern, der Lebenspartner, oder noch schlimmer das eigene Kind, ist jede Variante der Trauer erlaubt. Stirbt ein Musikerkollege, sind andere Gefühle im Spiel. Der Verlustschmerz ist vielleicht nicht so stark, aber trotzdem ist die pure Trauer da, denn jeder, der aus diesem sehr stark bindendem Umfeld für immer fehlt, hinterlässt eine große Lücke. Wenn man mit jemand zusammen Musik macht, entsteht eine starke Verbindung, die nur ein Musiker nachvollziehen kann; vielleicht ist das beim Bergkletterern oder beim Militär ähnlich, dort, wo man besonders aufeinander angewiesen ist. Beim Musizieren ist es, glaube ich, noch stärker. Dabei entsteht eine magische Atmosphäre, die mit nichts anderem vergleichbar ist. Sich gegenseitig durch musikalische Töne zu verständigen ist ein Privileg und eine Ehre, und darüber hinaus ein so starkes Gefühl der Verbundenheit, dass man es nicht mit Worten ausdrücken kann. Ich bin ziemlich vergesslich, aber ich bin mir ganz sicher, dass ich mich an jeden erinnere, mit dem ich je auf einer Bühne stand, und das sind immerhin 52 Jahre.

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Mini, ich habe mich absichtlich gehütet, über deine menschlichen Eigenschaften zu sprechen, denn das fände ich so trivial und unwichtig, dass es nicht der Rede wert ist. Und nicht etwa weil ich nichts Schlechtes sagen wollte. Nein, über dich könnte ich nur Gutes sagen. Doch will in diesem Nachruf alles vermeiden, was trivial ist. Und das einzig Wichtige ist, dass wir dich niemals vergessen werden.

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Wow! Wow! WOWWW!!! Was für ein Abend!

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Wow! Wow! WOWWW!!!
Was für ein Abend, was für ein Auftritt! Was für Atmosphäre, was für Publikum! Welche Ambiente!
Und so könnte ich fortsetzen, immer noch euphorisch, einen Tag später. Ja, Freunde (und Freundinnen, political Correctness…), das Jahr hat ungefähr 365 Tage, das Leben … Jahre (bitte Wunschalter eintragen!), und wie viele Stunden und Tage vergisst man? Seht ihr. Diese Tatsache ist unabhängig von Schulbildung, Karriere, Geld und sonstwas. Doch es gibt Tage, die man nie mehr vergisst. Der erste Schultag. Die Kommunion (oder wasweißich, bitte einfach dazudenken!). Die Hochzeit. Die zweite Hochzeit. Die dritte… Mahlzeit nach dem Ramadan. (Langsam werde ich wahnsinnig bei soviel Korrektheit!!). Und so fort.

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Was ich damit sagen will: es gibt Tage, die so vollkommen sind, dass man sie nicht vergisst. Und ich glaube mit gutem Gewissen behaupten und dies gegegenebenfalls (Schreibfehler sind beabsichtigt und dienen der Ironie!) vor Zeugen eidessstattlich versichern zu können, dass dieser Tag zu jenen gehört.

Vor Jahren flog ich mit meiner Frau nach London, nur um ein Konzert in der Royal Albert Hall mit Eric Clapton su sehen. Manche meinten, ich sei verrückt, für ein einziges Konzert all inclusive 800 DM (!) auszugeben. Doch wieviel Geld gibt man jeden Tag aus, um diese Tage dann einfach zu vergessen? Dieses Konzert vergesse ich meinen Lebtag lang nicht, und das ist wohl eine Menge Geld wert.

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Und um so mehr gilt das, wenn der unvergessliche Tag nicht einen Pfennig (jawoll, Pfennig!) kostet. Möglicherweise bleibt sogar etwas hängen, wenn Jens gnädig mit uns ist. Aber das ist nicht der Punkt, sondern dass dieser Tag optimal war, optimaler geht es vielleicht gar nicht. Warum wohl?
Es war nicht einfach ein Primestone-Konzert, sondern der 10. Jahrestag vom Fiddler’s Green in Pfaffenhofen/Roth. Und Jens und Team war es gelungen, ein Fest der Superklasse zu zaubern.

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Am Anfang war… das Wetter. Es war trotz aller Unkenrufe und Regentropfen gnädig, nicht zu warm, nicht zu kalt, gerade ideal. Dann kamen die Groovies, eine Zwei-Mann Band, bestehend aus Eberhard und Heinz, seines Zeichens Hauptverantwortlicher für die Existenz von Jens, was für ein Glück für uns… Zu unserem großen Vergnügen mischten sie irische Folklore mit Evergereens, die sie mit beneidenswertem Enthusiasmus zum Besten gaben.

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Nach ihnen kamen die Männer von Primestone. Gestärkt vom guten Essen und freilich/reichlich Guinness rockten wir los, in dieser fantastischen Umgebung. Die Bühne stand im Hof von Fiddler’s, unter dem riesigen Walnussbaum. Und alles war voller Menschen, die Straße, der Pub, der Hof… Durch die Groovies angestachelt, war die Stimmung auch sofort da: es ist schon toll, wenn mehrere Bands hintereinander auftreten, vor allem wenn nicht alle im gleichen Stil spielen. So kam unser mit Blues, Reggae, Funk und Soul gespickter Classic Rock tierisch an, wir ernteten nach jedem einzelnen Song frenetischen Applaus.

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Und wir gaben alles. Unsere Spielzeit betrug lediglich 105 Minuten, die wir am Stück durchzogen, und so mussten wir nicht mit den Kräften sparen, weder beim Gesang noch mit den Instrumenten. Aus allen Rohren feuernd (was für ein Vergleich, dabei bin ich Beinahe-Pazifist…) verausgabten wir uns völlig, während langsam dunkel und die Menge vor uns immer größer wurde. Wolfi röhrte mit krebsrotem Schädel ins Mikro, Wolli bearbeitete die unzähligen Tasten wie ein Berserker, und Flogge, The Animal übertraf sich selbst, obwohl er seinen geliebten Teppich nicht dabei hatte, und der Herr Kaschper (das bin ich!) wechselte seine Waffen schneller als John Wayne… Die Reaktion des sehr gemischten Publikums war überwältigend, und so schaukelte sich die Stimmung bis zur Euphorie hoch, es war einfach der Wahnsinn, und ich übertreibe nicht, fragt doch jene, die dabei waren!

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Wolfi röhrt mit krebsrotem…

Was mir sehr positiv auffiel: die Leute honorierten gerade die Songs am meisten, die wir abweichend vom Original spielten: Knockin’ On Heaven’s Door, California Dreamin’, Lonesome Loser usw. Dieser Umstand beweist zweierlei: dass wir den richtigen Weg gehen, und dass Jens’ Stammpublikum sachverständig ist – aber das wussten wir schon von unseren früheren Konzerten hier!

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Ein früheres Konzert hier

Im fliegenden Wechsel ging es anschließend weiter: vorne an der Straße spielten Miller Malone irische Folklore. Leider konnten wir sie nicht anhören, obwohl wir wussten, dass sie sehr gut sind: wir mussten in Windeseile unsere Sachen von der Bühne räumen, denn nach uns kam Jens’ eigene Band: The Cash.

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The Cash!

Stylish gekleidet gaben sie zu neunt (!) ein tolles Konzert mit Rock’ n Roll, Soul und Jazz. Frontfrau Jasmin Bihr wirbelte in Petticoats über die Bühne. Ihre Interpretation von Jailhouse Rock, Son Of A Preacher Man usw. war hervorragend, verstärkt durch die Bläsergruppe. Und während wir uns den Weg durch die dichte Menschenmenge bahnten – wir mussten ja unsere Sachen in den Autos verstauen – fiel mir etwas auf.

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the Primestone – a different perspectivity

Anfang der Neunziger, als ich bei Fireball spielte – eine ganz ähnliche Musik – war das ganz anders. Nach den Konzerten schleppten wir unsere Instrumente in den mit Menschen prall gefüllten Zelten mühsam zum Ausgang, und jedes Mal, wirklich jedes Mal wurden wir von besoffenen Männern daran gehindert, sie gaben nicht nur den Weg nicht frei, sie pöbelten uns sogar an, stellten uns ein Bein, fassten nach unseren Instrumenten. Es war zum Verzweifeln, und brachte mich damals beinahe dazu, mit dem Ganzen aufzuhören. Hier dagegen öffnete sich die Menge freiwillig, die Leute entschuldigten sich sogar, wenn wir sie zufällig anrempelten. Dabei war die Masse so dicht, man kam wirklich kaum durch. Auch das zeigt die positive, friedliche Stimmung des Fiddlers-Publikums, die wesentlich dazu beitrug, diesen Abend unvergesslich zu machen. Danke, Jens und Team, danke, Publikum; wir kommen wieder!

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